Sehr geehrte Anlegerinnen,
sehr geehrte Anleger,
die gestrige Entscheidung der EZB-Zinssitzung vom 10. September 2026 dürfte weit über die eigentliche Zinserhöhung hinaus Wirkung entfalten. Die Christine Lagarde geführte Europäische Zentralbank erhöhte ihre drei Leitzinsen um jeweils 0,25 Prozentpunkte. Der für Finanzmärkte besonders wichtige Einlagensatz steigt damit von 2,25 % auf 2,50 %.
Die Zinserhöhung war von Investoren weitgehend erwartet worden. Die eigentliche Botschaft der Notenbank liegt jedoch im Ausblick: Die EZB signalisiert, dass die Inflation noch nicht ausreichend unter Kontrolle ist und die Geldpolitik auf absehbare Zeit restriktiv bleiben dürfte. Von einem baldigen Zinssenkungszyklus kann derzeit keine Rede sein.
Der Kampf gegen die Inflation ist noch nicht gewonnen
Auslöser für den jüngsten Zinsschritt ist die wieder steigende Inflation im Euroraum. Die Verbraucherpreise lagen im August 3,3 % über dem Vorjahresniveau und damit deutlich über dem Inflationsziel der EZB von 2 %. Besonders stark verteuerten sich Energieträger, deren Preise zuletzt um mehr als 14 % zulegten. Hintergrund sind die anhaltenden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten sowie die gestiegenen Ölpreise.
Gleichzeitig zeigt sich die Wirtschaft in der Eurozone widerstandsfähiger als viele Volkswirte erwartet hatten. Die EZB hob ihre Wachstumsprognosen zuletzt sogar leicht an und erwartet für 2026 ein Wirtschaftswachstum von 0,9 %. Damit fehlt bislang das klassische Argument für eine Lockerung der Geldpolitik.
Die wichtigste Botschaft: Der Zinspfad zeigt weiterhin nach oben oder seitwärts
Für Anleger ist weniger entscheidend, wo der Leitzins heute steht, sondern wohin er sich in den kommenden Quartalen bewegt.
Hier sendet die EZB ein klares Signal: Die Notenbank sieht derzeit keinen Anlass, über Zinssenkungen nachzudenken. Vielmehr geht es darum, die Inflation dauerhaft zurück in Richtung des 2 %-Ziels zu bringen. Die EZB betonte erneut ihren datenabhängigen Ansatz und legte sich bewusst nicht auf einen künftigen Zinspfad fest. Gleichzeitig wurden die Inflationsprognosen für die kommenden Jahre nach oben angepasst. Für 2027 erwartet die Notenbank nun 2,5 % Inflation, für 2028 immer noch 2,1 %.Für die Finanzmärkte ergibt sich daraus aktuell folgendes Bild:
- Zinssenkungen sind kurzfristig nicht das Basisszenario.
- Ein längerer Zeitraum stabiler Leitzinsen erscheint wahrscheinlich.
- Sollten Energiepreise weiter steigen oder die Inflation erneut überraschen, wären sogar weitere Zinserhöhungen denkbar.
Die Devise vieler Notenbanken lautet derzeit daher:„Higher for Longer“, also höhere Zinsen für einen längeren Zeitraum.
Was müsste passieren, damit die EZB die Zinsen wieder senkt?
Für eine echte Zinswende nach unten müssten mehrere Voraussetzungen gleichzeitig erfüllt sein.
Erstens müsste die Inflation nachhaltig in Richtung der Zielmarke von 2 % zurückkehren. Einzelne Monate mit niedrigeren Inflationsraten würden der EZB nicht ausreichen. Entscheidend wäre ein stabiler Trend über mehrere Quartale hinweg.
Zweitens müssten sich die Energiepreise deutlich beruhigen. Der aktuelle Inflationsschub wird maßgeblich durch den Öl- und Energiemarkt verursacht. Eine Entspannung im Nahen Osten könnte daher unmittelbaren Einfluss auf die Geldpolitik haben.
Drittens müsste sich das Wirtschaftswachstum deutlich abschwächen. Sollte die Eurozone in Richtung Stagnation oder gar Rezession rutschen, würde der Druck auf die EZB steigen, die Konjunktur durch niedrigere Finanzierungskosten zu unterstützen. Aktuell sehen die eigenen Prognosen der Notenbank allerdings noch kein solches Szenario.
Auch andere Zentralbanken bleiben vorsichtig
Die EZB steht mit ihrer Haltung nicht allein da. Weltweit haben die großen Zentralbanken ihre Aufmerksamkeit wieder stärker auf die Inflationsrisiken gelenkt.
Die US-Notenbank Federal Reserve wird Mitte September über ihren weiteren Kurs entscheiden. An den Märkten wird derzeit intensiv diskutiert, ob die Fed ihre Zinsen ebenfalls nochmals anheben könnte. Mehrere Fed-Mitglieder betonen, dass die jüngsten Inflationsfortschritte noch nicht ausreichen, um Entwarnung zu geben.
Auch die Bank of England gilt derzeit als eher restriktiv. In Großbritannien bleibt die Inflation hartnäckig, weshalb viele Beobachter dort ebenfalls keinen schnellen Übergang zu sinkenden Zinsen erwarten.
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung in Japan. Die Bank of Japan hat bereits im Juni ihren Leitzins auf 1,0 % angehoben und damit den höchsten Stand seit Mitte der 1990er-Jahre erreicht. Weitere Zinsschritte werden von vielen Analysten nicht ausgeschlossen.
Fazit: Die Diskussion hat sich verändert
Noch vor einem Jahr fragten sich viele Investoren, wann der nächste Zinssenkungszyklus beginnt. Nach der gestrigen EZB-Entscheidung lautet die entscheidende Frage jedoch anders:
Wie lange müssen die Zinsen auf dem aktuellen oder sogar einem höheren Niveau bleiben?
Die Antwort der EZB fällt derzeit eindeutig aus. Solange Inflation und Energiepreise erhöht bleiben und sich die europäische Wirtschaft robust zeigt, spricht deutlich mehr für stabile bis höhere Zinsen als für eine schnelle geldpolitische Lockerung.
Für Anleger bedeutet dies, dass sie ihre Erwartungen an bald sinkende Zinsen vorerst zurückstellen sollten. Der wahrscheinlichste Zinspfad für die kommenden Quartale ist nicht nach unten gerichtet, sondern verläuft auf einem erhöhten Niveau seitwärts, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weiterer Zinserhöhungen, falls der Inflationsdruck erneut zunimmt.
Wir wünschen einen schönen Sonntag.
Unsere Weekly News in Bild und Ton:
In der zurückliegenden Handelswoche vom 7. bis 11. September 2026 standen die internationalen Aktienmärkte ganz im Zeichen von Inflation, steigenden Energiepreisen und der Frage, ob die großen Zentralbanken ihren geldpolitischen Kurs nochmals verschärfen müssen. Während die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten die Rohstoffmärkte dominierten, rückten gleichzeitig wichtige Zinsentscheidungen und Konjunkturdaten in den Fokus der Anleger.
An den US-Börsen zeigte sich ein insgesamt schwaches Bild. Der S&P 500 geriet im Laufe der Woche kontinuierlich unter Druck und verzeichnete mehrere Verlusttage in Folge. Belastungsfaktoren waren vor allem die stark gestiegenen Ölpreise, die zeitweise über die psychologisch wichtige Marke von 100 US-Dollar je Barrel kletterten, sowie robuste US-Arbeitsmarktdaten, die die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung durch die Federal Reserve erhöhten. Anleger sorgen sich zunehmend, dass die Kombination aus höherer Inflation und anhaltend solidem Wirtschaftswachstum die US-Notenbank zu einem restriktiveren Kurs zwingen könnte. Zusätzliche Unsicherheit entstand durch neue Handelsspannungen zwischen den USA und Kanada, nachdem beide Länder gegenseitig Zölle verhängten. Die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen stiegen im Wochenverlauf deutlich an und erhöhten damit den Druck auf zinssensitive Wachstumswerte.
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