US-Handelspolitik im Wandel: Zölle, Deals und Risiken

Sehr geehrte Anlegerinnen, sehr geehrte Anleger,

die letzten Wochen waren herausfordernd bis heftig an den Börsen. Die Märkte sind in eine Phase eingetreten, die weiter hohe Volatilität und erratische Kursbewegungen erwarten lässt. Seit Jahresanfang hat der breite Gesamtmarkt fast 16% abgeben müssen, der Technologiesektor um die 24%, und der US-Dollar blutet mit zeitweise bis zu 15% Verlust ebenso aus. Auf 12-Monatssicht ist der Markt nun sogar mit -3% ins Minus gerutscht.

Man kann es nicht anders sagen, es riecht ein wenig nach Zeitenwende in den USA! Zu „verdanken“ haben wir dies (wieder einmal) Donald Trump mit seinen fast stündlich anderslautenden Tweets und Posts auf seinen offiziellen Social-Media-Kanälen. Der Markt kann keine Strategie oder Handlungsweise erkennen, auf die er länger als ein paar Tage vertrauen und sich demnach positionieren könnte; wir alle sind dieser Markt – und genau das macht es derzeit so schwierig, solide Investments zu tätigen. Trump spielt allgemein mit der Glaubwürdigkeit der USA, des US-Dollars und des US-Amerikanischen Kreditmarktes.

Die aktuelle US-Handelspolitik unter der neuen Administration bewegt sich in einer dynamischen Phase, die von Zöllen zu intensiven Verhandlungen über Handelsabkommen – oder „Deals“ – übergegangen ist. Wir möchten die komplexen Zusammenhänge der letzten Woche für Sie verständlich zusammenfassen.

1. Der Wandel: Von Zöllen zu Deals

Nach einer Phase, die von aggressiver Zollrhetorik geprägt war, hat die US-Regierung ihren Ton geändert. Statt Drohungen mit neuen Zöllen betont sie nun Fortschritte bei Handelsverhandlungen. Die Botschaft lautet: „Länder rufen an, Länder stehen Schlange, um Deals abzuschließen.“ Doch während die USA von „guten Deals“ sprechen, bleiben konkrete Informationen spärlich – besonders von internationalen Partnern:

  • Japan: Verhandlungen fanden statt, doch es gibt kaum Details von beiden Seiten.

  • China: Offizielle Stellungnahmen sind rar, was die US-Narrative infrage stellt, dass China aktiv um Deals wirbt.

  • Andere Länder: Es gibt kaum öffentliche Aussagen, was auf Zurückhaltung oder Verwirrung hindeutet.

Dieser Mangel an Transparenz erschwert die Einschätzung der Verhandlungsfortschritte und zwingt Analysten, auf Spekulationen zurückzugreifen. Die US-Botschaft ist klar, aber weniger aggressiv als zuvor, was auf eine mögliche strategische Anpassung hindeutet.

2. Was wollen Zölle erreichen? Ein Zielkonflikt

Die US-Zollpolitik verfolgt mehrere Ziele, die nicht immer miteinander vereinbar sind:

  • Verhandlungsposition: Zölle könnten als Druckmittel dienen, um bessere Handelsbedingungen zu erzwingen. Dies würde temporäre Zölle implizieren.

  • Förderung von „Made in the USA“: Höhere Kosten für Importe sollen die Nachfrage nach US-Produkten steigern. Dies erfordert dauerhafte Zölle, könnte aber Investitionen in US-Produktionsstätten anregen.

  • Einnahmequelle: Zölle könnten Staatseinnahmen generieren, was ebenfalls langfristige Zölle voraussetzt.

  • Handelsbilanzkorrektur: Ein zentrales Ziel ist die Reduzierung von Handelsdefiziten, ein Fokus, der bereits in der ersten Amtszeit von Präsident Trump im Vordergrund stand.

Wir kritisieren, dass die Prioritäten unklar bleiben. Zudem wird die Diskussion durch zwei wesentliche Lücken erschwert:

  • Dienstleistungen: Die USA haben mit vielen Ländern Überschüsse im Dienstleistungshandel (z. B. Cloud-Computing). Diese werden jedoch in der Analyse der Handelsbilanzen ignoriert, obwohl die USA eine Dienstleistungswirtschaft sind.

  • Profitabilität: Exporte mit höheren Gewinnmargen (z. B. Dienstleistungen) könnten Handelsdefizite weniger problematisch machen, als reine Handelsvolumina suggerieren. Dieser Aspekt fehlt in der Debatte.

Weitere Fragen betreffen die Art der gehandelten Güter (Rohstoffe vs. Fertigprodukte) und die Rolle von US-Unternehmen, die im Ausland produzieren, ohne Waren in die USA zu importieren. Eine differenziertere Analyse könnte die Dringlichkeit der Handelsdefizite relativieren. 3. Der chaotische Zoll-Rollout

Die Einführung der Zölle war von Unklarheiten und Rückziehern geprägt, was die Verhandlungsposition der USA geschwächt haben könnte:

  • China, Kanada, Mexiko: Ursprünglich gab es eine „Fentanyl-Ausnahme“ für Kanada und Mexiko, die später aufgehoben wurde. Dies deutet auf mangelnde Kohärenz hin.

  • Stahl und Aluminium: Globale Zölle unterstrichen die Entschlossenheit der USA, führten aber zu Gegenreaktionen.

  • USMCA-Ausnahmen: Autos und andere Produkte, die den Regeln des USMCA-Abkommens entsprechen, wurden von Zöllen ausgenommen. Diese Entscheidung hätte vorhersehbar sein müssen.

  • „Liberation Day“-Zölle: Diese wurden als unverhältnismäßig hoch wahrgenommen und sorgten für weltweites Erstaunen. Später folgte eine 90-Tage-Frist mit „nur“ 10 % Zöllen, was die Märkte beruhigte und auf eine mögliche Mäßigung hindeutet.

  • Technologie und China: Ausnahmen für Tech-Produkte und verschärfte Exportkontrollen für Chips nach China verstärken den Eindruck, dass China das Hauptziel der US-Politik ist.

Die wechselhafte Umsetzung – von hohen Zollankündigungen zu Rückziehern – hat international für Verwirrung gesorgt und könnte das Vertrauen in die Verlässlichkeit der USA als Handelspartner untergraben haben.

4. Die Verhandlungsposition der Partnerländer

Länder, die an den Verhandlungstisch kommen, tun dies laut Analyse mit gemischten Gefühlen:

  • Verwirrung: Die hohen Zollsätze und wechselhaften Entscheidungen der USA haben Fragen aufgeworfen.

  • Skepsis: Die Abhängigkeit vom US-Markt ist groß, doch die Unberechenbarkeit der US-Politik schürt Misstrauen gegenüber langfristigen Deals.

  • Verhandlungsstärke: Rückzieher der USA (z. B. bei USMCA-Produkten) könnten Partnerländer ermutigen, härter zu verhandeln, da sie Schwächen in der US-Strategie wittern.

  • Erfahrung aus Trump 1.0: Anders als in der ersten Amtszeit Trumps verstehen viele Länder – insbesondere China – die Verhandlungstaktiken („Art of the Deal“) besser und passen sich an.

Wir vermuten, dass die USA möglicherweise mit einer Strategie operieren, die auf ähnliche Reaktionen wie in der Vergangenheit setzt, was jedoch an Wirksamkeit verliert, da Partnerländer besser vorbereitet sind.

5. Zwei Szenarien für Deals

Wir versuchen zwei mögliche Arten von Handelsabkommen zu skizzieren:

  1. Gesichtswahrende Deals (70 % Wahrscheinlichkeit): Merkmale: Moderate Zollsenkungen auf beiden Seiten, unverbindliche Zusagen zum Kauf US-amerikanischer Produkte (z. B. in Verteidigung oder Landwirtschaft), Maßnahmen gegen China als „Herkunftsland-Umgehung“. Auswirkungen: Solche Deals könnten kurzfristig die Märkte beflügeln, hätten aber wenig langfristigen Einfluss. Länder könnten die Gelegenheit nutzen, ihre Abhängigkeit von den USA zu reduzieren. Bewertung: Diese Deals wären ein Rückzug von der harten Linie, könnten aber als Erfolg verkauft werden. Kritiker, die darauf hinweisen, dass dies ohne die vorherigen Zollkonflikte erreichbar gewesen wäre, dürften in den sozialen Medien übertönt werden.

  2. Echte Handelsbilanz-Deals (30 % Wahrscheinlichkeit): Merkmale: Verbindliche Kaufzusagen für US-Produkte mit Strafen bei Nichteinhaltung, harte Maßnahmen gegen China (z. B. eigene Zölle gegen China), Fokus auf tatsächliche Handelsbilanzkorrektur. Herausforderungen: Viele Länder werden zögern, solche Deals zu akzeptieren, da sie ihre Beziehungen zu China nicht gefährden wollen. Die unberechenbare US-Politik verstärkt diese Zurückhaltung. Auswirkungen: Sollten solche Deals gelingen, wären sie ein signifikanter Erfolg für die USA. Bei ausbleibenden Deals drohen jedoch wirtschaftliche Probleme, da die Märkte ein Scheitern als Überforderung der US-Strategie werten könnten.

6. Der Verhandlungsweg und Risiken

Wir vermuten, dass die USA zunächst auf „echte Handelsbilanz-Deals“ setzen, was die Zurückhaltung anderer Länder erklärt. Diese könnten von den hohen US-Forderungen überrascht oder abgeschreckt sein. Sollten in den kommenden Wochen keine Deals zustande kommen oder gar Berichte über große Verhandlungsklüfte auftauchen, wird die US-Strategie vermutlich zu „gesichtswahrenden Deals“ wechseln.

Ein zentrales Risiko ist die Fehleinschätzung der eigenen Verhandlungsposition durch die USA. Wir sehen hier ein größeres Risiko auf US-Seite, was die Wahrscheinlichkeit einer globalen Rezession erhöhen könnte. Die US-Wirtschaft zeigt bereits Anzeichen einer Verlangsamung, und ausbleibende Deals könnten diesen Trend verstärken. 7. Langfristige Folgen: Schäden für die US-Marke

Selbst bei erfolgreichen Deals droht ein langfristiger Imageschaden für die USA:

  • Verlust internationales Vertrauen: Die unberechenbare Zollpolitik und die aggressive Rhetorik haben das Vertrauen in die USA als verlässlichen Partner geschwächt.

  • Wirtschaftliche Auswirkungen: US-Aktien, Anleihen und Produkte könnten unter einer geringeren internationalen Nachfrage leiden.

  • Geopolitische Spannungen: Die polarisierende Berichterstattung – sowohl in den USA als auch international – könnte bestehende Spannungen verschärfen.

Länder werden langfristig Strategien entwickeln, um weniger abhängig vom US-Markt zu sein. 8. Ausblick und Empfehlungen

Die Volatilität an den Märkten bleibt hoch, doch die Relevanz einzelner Schlagzeilen nimmt ab. Wir plädieren für eine strategische Kehrtwende:

  • Fokus auf nationale Politik: Anstelle globaler Handelskonflikte sollten die USA die heimische Industrie fördern, etwa durch Investitionen in Chips, Energie und strategische Rohstoffe. Dies wäre langfristig effektiver und weniger riskant.

  • Marktentwicklung: Bei ausbleibenden Deals drohen weitere Kursrückgänge an den Aktienmärkten. Anleihenrenditen (z. B. 10-jährige US-Staatsanleihen) dürften in einem Bereich von 4,1–4,5% bleiben, mit einem Risiko nach oben aufgrund von Haushaltsdefizit-Sorgen.

  • Hoffnung: Einige erfolgreiche Deals könnten kurzfristig Optimismus auslösen, doch die langfristigen Herausforderungen bleiben.

Fazit

Die US-Handelspolitik steht an einem Scheideweg. Die derzeitige Strategie birgt Risiken für die Wirtschaft und das internationale Ansehen der USA. Ein Pivot hin zu einer innenpolitisch fokussierten Strategie könnte die Ziele – wie die Stärkung der heimischen Industrie – nachhaltiger erreichen.

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