Sehr geehrte Anlegerinnen,
sehr geehrte Anleger,
im Moment sieht man an den Finanzmärkten eine Stimmung, die viele Privatanleger sehr gut aus dem Bauch heraus kennen: Man ist gleichzeitig vorsichtig und ungeduldig. Vorsichtig, weil der Krieg und die politischen Risiken im Nahen Osten jederzeit wieder für Schockwellen sorgen können, und ungeduldig, weil die Börse nach jeder Nachricht über Entspannung oft schnell anspringt – und dann meldet sich diese „Angst, etwas zu verpassen“ (FOMO, Fear of Missing Out). Genau dieses Nebeneinander aus Sicherheitsbedürfnis und „Ich will nicht zu spät kommen“ prägt aktuell die Mehrheitspositionierung.
Bei den Profis lässt sich das gut an großen Stimmungsumfragen ablesen. In der Bank‑of‑America‑Umfrage unter Fondsmanagern Anfang April wurde die Stimmung spürbar pessimistischer: Viele erwarten schwächeres Wachstum und haben ihre Aktienquote zurückgefahren – aber eben nicht so, als würde unmittelbar ein Crash erwartet. Ein Artikel, der die Umfrage zusammenfasst, beschreibt es treffend als „pessimistischer, aber nicht auf dem Niveau, bei dem man blind kaufen sollte“ – also keine echte Kapitulation, eher eine vorsichtige Neujustierung. Dass selbst in dieser angespannten Lage viele nicht komplett aus Risikoanlagen aussteigen, erklärt, warum Märkte bei kleineren positiven Signalen schnell drehen können.
Auch jenseits von Umfragen sieht man diese Vorsicht im „Unterbau“: In den Daten zu großen Termingeschäften auf den S&P 500 (das sind Wetten auf den US‑Aktienmarkt) waren spekulative Investoren Anfang April netto eher auf der vorsichtigen Seite – vereinfacht gesagt: Viele setzen nicht voll auf steigende Kurse, sondern halten Schutzpositionen. Das ist wichtig, weil es zeigt: Selbst wenn die Kurse steigen, bedeutet das nicht automatisch, dass alle schon optimistisch sind – oft steigen Märkte gerade dann besonders dynamisch, wenn viele noch skeptisch sind und bei besseren Nachrichten nach und nach wieder einsteigen.
FOMO entsteht genau in solchen Übergangsphasen. Wenn die meisten zwar nicht begeistert sind, aber die Kurse trotzdem anziehen, fühlen sich viele Anleger „unterinvestiert“ – also so, als hätten sie zu wenig dabei. Dazu passt, dass sich nach der Waffenruhe die Nervosität in vielen Markt‑Indikatoren wieder beruhigt hat und Anleger wieder mehr Risiko wagen. Bloomberg beschrieb zuletzt, dass sich mit dem Eindruck einer zunächst haltenden Waffenruhe die Risikofreude langsam zurückmeldet; gleichzeitig zeigen Stimmungsdaten von Privatanlegern, dass Pessimismus zwar hoch bleibt, aber nicht mehr weiter eskaliert. Beim bekannten AAII‑Stimmungsbarometer lag Anfang April der Anteil der Bären (pessimistisch) weiterhin deutlich über dem langfristigen Durchschnitt, während der Anteil der Bullen (optimistisch) leicht zulegte – ein typisches Muster, wenn Sorge da ist, aber Hoffnung zurückkommt.
Besonders greifbar wird die Erwartungshaltung zum Krieg, wenn man sich konkrete Prozentzahlen anschaut. In einer globalen Investorenumfrage der Deutschen Bank (Ende März, also noch in einer sehr unruhigen Phase) sagten 54% der Befragten, sie erwarteten eine Waffenruhe zwischen den USA und Iran bis Ende April. Bis Ende Mai stieg dieser Anteil sogar auf 76%. Gleichzeitig war die Umfrage aber auch eine Warnung vor zu viel Euphorie: 41% rechneten damit, dass sich zentrale Dinge – vor allem die Lage rund um die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Routen für Öl und Handel – erst ab dem dritten Quartal wieder normalisieren. Übersetzt: Viele glauben an Entspannung, aber nicht unbedingt an eine schnelle Rückkehr zur Normalität.
Warum ist das so entscheidend? Weil über Ölpreise, Transportwege und Lieferketten am Ende wieder Inflation und Zinsen beeinflusst werden – und damit auch Aktienkurse. Das spürt man besonders in den Emerging Markets, also Schwellenländern (z.B. Teile Asiens oder Lateinamerikas). Dort ist das Kapital oft „nervöser“: Wenn das Risiko steigt, ziehen Anleger schneller Geld ab, als sie es in etablierten Märkten tun. Genau das ist passiert. Laut Daten des Institute of International Finance (IIF), über Reuters berichtet, flossen im Februar noch 21,7 Milliarden US‑Dollar netto in Schwellenländer‑Anlagen – da war der Rückzug noch nicht voll sichtbar. Im März, dem ersten vollen Monat nach Kriegsbeginn, kam dann der harte Schnitt: 70,3 Milliarden US‑Dollar wurden aus Emerging‑Market‑Anlagen abgezogen – der stärkste Abfluss seit dem Pandemie‑Schock 2020.
Spannend ist: Seit der Waffenruhe sieht man erste Gegenbewegungen, zumindest in sehr leicht handelbaren Produkten wie ETFs. Bloomberg berichtete, dass in der Woche bis 10. April rund 1,1 Milliarden US‑Dollar in Emerging‑Market‑ETFs zurückflossen – nachdem es zuvor vier Wochen Abflüsse von zusammen mehr als 5,6 Milliarden US‑Dollar gegeben hatte. Das ist typisch für solche Phasen: Wenn sich die Stimmung dreht, kommt Geld oft zuerst über die „schnellen“ Kanäle zurück, bevor langfristige Investoren wieder größere Positionen aufbauen.
Ob dieses Geld bei einem echten Frieden dauerhaft zurückkommt, hängt jedoch an einer simplen, aber unbequemen Wahrheit: Schwellenländer profitieren stark, wenn die Welt wieder risikofreudiger wird – leiden aber ebenso stark, wenn die Angst zurückkehrt. Der Internationale Währungsfonds erklärt in einer aktuellen Analyse, dass viele Schwellenländer heute viel stärker von großen Fonds, Versicherern und anderen Nicht‑Bank‑Investoren finanziert werden. Das kann gut sein, weil mehr Kapital verfügbar ist, macht die Ströme aber auch empfindlicher: Wenn die Risikostimmung kippt, können Abflüsse sehr schnell und sehr groß werden. Deshalb ist ein „Rückfluss bei Frieden“ plausibel – aber er bleibt anfällig, falls die Waffenruhe brüchig wird oder Öl/Inflation wieder hochschießen.
Bei den Zinsen ist die Lage für Privatanleger vor allem deshalb relevant, weil Zinsen beeinflussen, wie attraktiv sichere Alternativen zu Aktien sind und wie teuer Kredite werden. In den USA erwarten die Märkte kurzfristig klar keine Veränderung: Ein auf Marktpreisen basierender Wahrscheinlichkeitsrechner (Fed‑Rate‑Monitor) zeigte für das Treffen Ende April eine rund 97,9%‑Wahrscheinlichkeit, dass die US‑Notenbank den Leitzins unverändert lässt. Für später im Jahr gibt es zwar weiterhin eine Chance auf Zinssenkungen, aber insgesamt wirkt es nicht so, als würde der Markt mit einem schnellen „Zins‑Rutsch“ rechnen – eher mit einem Abwarten, ob Inflation und Ölpreise wirklich nachgeben.
In Europa ist das Bild noch stärker von den Energiepreisen geprägt. Reuters berichtete Mitte April, dass EZB‑Vertreter eine Zinserhöhung schon im April eher herunterspielen; die Märkte sähen nur noch ungefähr eine „eins‑zu‑fünf“ Chance für einen sofortigen Schritt, während spätere Termine stärker diskutiert werden. Ein ergänzender Blick auf ein marktbasierte Wahrscheinlichkeitsübersicht zeigt ebenfalls: Für das nächste Meeting liegt „keine Änderung“ vorne, auch wenn eine Erhöhung als Möglichkeit mitläuft – sprich, die EZB bleibt datenabhängig und reagiert vor allem darauf, ob der Energie‑Schub in eine breitere Teuerung übergeht.
Bleibt die Frage, wie gefährdet der aktuelle Frieden ist – und genau hier liegt der Grund, warum Anleger gleichzeitig vorsichtig und FOMO‑getrieben sind. Mehrere Analysen beschreiben die Waffenruhe als zeitlich begrenzt und damit grundsätzlich fragil. Ein Lagebericht des Institute for the Study of War (ISW) spricht von einer zweiwöchigen Waffenruhe und anschließenden Gesprächen, erwähnt aber auch Bedingungen und Risiken rund um die Region und wichtige Verkehrswege. Gleichzeitig zeigt eine von Reuters gemeldete Umfrage in Israel, dass fast zwei Drittel der Befragten die Waffenruhe ablehnen und das Land gespalten ist, ob man sie einhalten oder wieder angreifen sollte – politische Unsicherheit, die jederzeit wieder Druck auf die Märkte bringen kann.
Unterm Strich bedeutet das für Privatanleger: Die Mehrheit der Anleger steht gerade „mit einem Fuß auf der Bremse und mit dem anderen auf dem Gas“. Man sieht deutliche Vorsicht (mehr Absicherung, weniger Mut zu großen Wetten), aber keine totale Flucht. Gleichzeitig reichen ein paar bessere Nachrichten, damit Risiko wieder gekauft wird – und genau dann entsteht FOMO, weil viele, die vorsichtig geblieben sind, bei steigenden Kursen nachziehen. Die Prozentzahlen aus der Deutschen‑Bank‑Umfrage zeigen, wie stark dieser Hoffnungskanal ist: Viele rechnen tatsächlich mit einer Deeskalation bis Ende April oder Mai – aber eben nicht zwingend mit sofortiger Normalität.
Und: die Kapitalströme in Schwellenländer zeigen, wie schnell Geld zuerst abzieht und dann wieder zurückkommt, wenn sich die Stimmung dreht – allerdings immer unter dem Vorbehalt, dass die Ruhe auch hält.
Wir wünschen einen schönen Sonntag.
Unsere Weekly News in Bild- und Ton:
In dieser Handelswoche dominierten an den globalen Aktienmärkten drei Themen: (1) Geopolitik rund um den Iran‑Konflikt, (2) die daraus abgeleitete Ölpreis‑/Inflationsdebatte und (3) der Auftakt der Berichtssaison.
In den USA zog der S&P 500 von 6.886 Punkten (Mo, Schluss) bis zum Donnerstagsschluss auf 7.041 Punkte an – ein Rekordschluss, was einem Wochenplus von rund 2,3% entspricht. Rückenwind kam immer dann auf, wenn Nachrichten auf weitere Gespräche bzw. eine Verlängerung der befristeten Waffenruhe hindeuteten und Öl zeitweise nachgab; zugleich blieb die Lage fragil, weil die US‑Maßnahmen/Blockade gegen iranische Häfen und die Unsicherheit um die Straße von Hormus das Marktgeschehen weiter “headline‑getrieben” machten. Makroseitig achteten Anleger auf Inflationssignale (u. a. PPI) und eine Reihe von Fed‑Auftritten, während gemischte US‑Daten (z. B. Industrieproduktion, Jobless Claims) die Zinserwartungen eher feinjustierten als umwarfen. Parallel setzte der Start der Earnings‑Season (Banken/Tech) Akzente bei der Sektorrotation: Risk‑On‑Tage wurden vor allem von Wachstums‑ und zyklischen Titeln getragen, während Energieaktien je nach Ölpreisrichtung schwankten.
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